Independent ist Independent und bleibt Independent

RotRaum Music ist ein echtes Independent Plattenlabel, das sich auf elektronische Undergroundmusik spezialisiert hat und eine wahre Instanz in der Allgäuer Technolandschaft darstellt. In Kempten beheimatet und mit Zweigstellen in Köln und Ses Paisses (Ibiza) sucht man hier fortwährend nach außergewöhnlichen Künstlern, mit der Prämisse, immer eine langfristige und produktive Zusammenarbeit zu realisieren. Dieses Jahr feiert das Label 10-jähriges Bestehen.

Zehn Jahre elektronischer Underground aus dem Allgäu


Wir haben Labelchef Dominik Vogel zum Interview besucht, um mit ihm über Retrospektiven, tiefschwarzes Vinyl und zukünftige Projekte zu sprechen. Außerdem konnten wir uns die oft gestellte Frage nicht verkneifen: Kann man davon leben?

 

Du bist jahrelang Schlagzeuger bei Tennesse Menace gewesen, einer Rockabillyband. Wie kam es zum Sinneswandel zu Techno und der Gründung des Labels?

Einen Sinneswandel hat es nie wirklich gegeben, da ich mich schon lange vor RotRaum mit elektronischer Musik auseinandergesetzt habe. Auch das Label war anfangs für jegliche Art von Musik gedacht, ohne stilistische Einschränkungen. Ursprünglich wollten wir uns mit Tennessee Menace ein eigenes kleines Tonstudio einrichten und dann kam es zu der Idee mit dem Label drumherum.

 

Gibt es eine definierte Philosophie oder Labelpolitik bei RotRaum Music?

Bei den Künstlern in unserer Labelfamilie ist uns vor allem Authentizität wichtig. Da muss Leidenschaft drinstecken und Originalität. Für Musik, die zu sehr die üblichen populären Schemen und Trends nachahmt oder die aus vorgefertigten Loops und Samples zusammengeklickt wurde, gibt es genug andere Plattformen. Wir zielen auf eine längerfristige Zusammenarbeit mit allen Künstlern ab, arbeiten gern gemeinsam an Produktionen und kümmern uns um das Mastering.

 

Das Label ist ja weit die deutschen Grenzen hinaus bekannt. Aus welchen Ländern sind die Artists bei RotRaum?

Schweden, Dänemark, Finland, Frankreich, Italien, Spanien, Russland, Ukraine, Kanada, USA, Brasilien, Venezuela und Japan fallen mir mal auf Anhieb ein, es sind aber noch mehr.

 

Welches Event in den letzten zehn Jahren ist dir positiv, welches negativ in Erinnerung geblieben?

Puh… Da gibt’s so viele gute Erinnerungen! Vor allem weiter entfernt lebende Artists persönlich kennenzulernen. Ein paar Mal wurden wir von Veranstaltern um Einnahmen bzw. Gagen betrogen, das war natürlich bitter. Ansonsten hatten wir noch immer unseren Spaß.

Außer zahlreichen digitalen Releases, gibt es eine Menge Vinyl von euch auf dem Markt. Hat sich der weltweite Schallplatten-Hype auch bei RotRaum Music bemerkbar gemacht?

Ja, leider nur negativ. Mit der steigenden Nachfrage durch die Musikindustrie sind auch die Preise extrem gestiegen, kleinere Auflagen oder Onesides werden gar nicht mehr produziert und auch die Wartezeit hat sich fast verdreifacht. Kleine Schallplattenlabels, die die wenigen bestehenden Presswerke jahrelang mit ihren Aufträgen über Wasser gehalten haben, werden jetzt nicht mehr bedient.

Was ist aktuell bei RotRaum Music los? Welche Releases stehen an? Welche sind gerade erschienen?

Just Like Honey haben gerade ihr drittes Album an den Start gebracht. „Dreamland“ (auf der Homepage der Band auch als CD zu haben, Anm. d. Verf.) erntete ausschließlich gute bis hervorragende Kritiken, ebenso wie die aktuelle Vinyl Single Dominik Vogel & Kinky T – „Heavily Peated“. Zur gebührenden Feier der 10 Jahre erschien jetzt im Juni die Acid Compilation „Aciddiction“, mit neun Tracks von RotRaum Artists wie Healium, Orion, TRAMA & Bullit und Kinky T. Im Herbst folgt dann auch eine Vinyl-Version mit Tracks von Woody McBride, Unkraut, Arthur R. Gaerdes und DJ Wank.

Gibt es neue Projekte oder Artists, die bei euch gesignt haben oder bald erscheinen werden?

Unser neuester Zugang ist Woody McBride, ein echter Veteran der amerikanischen und internationalen Technoszene. Er ist auch direkt mit einem Track auf der „Aciddiction“ Compilation vertreten. Und dann wächst da gerade so ein neues Projekt namens „Unkraut“ heran. Darüber kann ich aber noch nicht viel verraten, Freunde von elektronischer Livemusik sollten aber zukünftig den ein oder anderen Blick auf rotraum.com oder unsere Facebook-Seite werfen.

Zu RotRaum Music gehören auch ein paar Sublabels wie Rotraum Bold, Rotraum Seven und Genre:No. Wofür stehen diese Imprints und was passiert da gerade aktuell?

rotraum: bold hat sich gänzlich den Bass und Break-Genres verschrieben, also Drum’n’Bass, Dub, Dubstep, Moombahton etc., während auf rotraum: seven Sound erscheint, der weniger für die Tanzfläche gedacht ist, also eher Chillout und Lounge, aber auch orchestrale Soundtracks und der Indie-Pop von Just Like Honey. Deren Album Dreamland findet aktuell sehr viel positive Beachtung in Radios und bei Musikjournalisten, vor allem in den USA.

(Genre:No gehört zu den Labels, die ein völlig eigenständiges Management haben und für die RotRaum Music als Dienstleister den Vertrieb übernimmt, sowie Produktionen und Mastering, Anm. d. Verfasser).

Ihr habt ja in den letzten zehn Jahren eine große Bandbreite an elektronischer Clubmusik veröffentlicht, von Tech-House über Acid Techno bis hin zu avantgardistischen Klängen und experimentierfreudigem Industrial. Welches Subgenre bzw. welche Interpreten haben sich im letzten Jahrzent am besten verkauft?

Härterer Techno und Acid laufen eigentlich konstant am besten, daneben Dub.

Nach über 200 digitalen Releases und über 30 Vinyl Releases stellt sich noch die Frage, wie gut man mit einem Undeground Technolabel Geld verdienen kann. Kann man davon leben?

Von den Veröffentlichungen allein keinesfalls. Mit Schallplattenauflagen von 100 – 500 Stück kann man froh sein, wenn es immer auf Null rausläuft und digital gibt es seit den Zeiten der Streaming-Anbieter auch nicht mehr viel zu holen. Für ca. 10.000 Streams bekommt man einen knappen Euro, da hat aber noch nicht einmal der Künstler seinen Anteil bekommen… Gut 90 % der Leute, die eine Scheibe von uns kaufen oder einen Track runterladen sind DJs, die dann auch was damit machen wollen. Reine Konsumenten hören sich inzwischen die Sachen bei Spotify etc. an. Mehr Geld in die Kasse kommt rein über Dienstleistungen wie Mixing und Mastering oder Lizenzierung bzw. Verkauf von Musikproduktionen für weitere Nutzung.

 

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