Fr. 16.11.2018 – mySkylounge/Kempten

 

Aus der Ukraine angereist begrüßt der 13th Floor am 16. November in Kempten die Rockabilly Band The WiseGuyz. Das sympathische Quartett bringt seine Songs so authentisch und ungezwungen auf die Bühne, dass man sich gefühlt sofort in einem Club in den 50ern wiederfindet und hemmungslos über die Tanzfläche wirbeln kann. Ein gelungener Mix aus Swing, Rock’n‘Roll und stilistischer Eleganz. Bandleader Chris hat sich Zeit genommen, um mit uns auf die Anfänge der WiseGuyz und erste Konzerte zurückzuschauen, über Mode und Moderne zu philosophieren und ein bisschen von Rattendame Nora zu erzählen.

 

Euer Style sieht authentisch nach 50er Jahre aus. Seht ihr jeden Tag so aus?

Naja, wenn’s um Klamotten und Frisur geht, sehen wir nicht alle ganz so aus. Wir lieben den Style der 50er und bauen das in unsere täglichen Outfits ein, aber eben nicht zu 100 Prozent. Unsere Outfits sind für uns ein natürlicher Weg, um uns und unsere Stimmung auszudrücken. Manchmal benutzen wir auch moderne Sachen, die nicht oldschool, aber eben praktisch und bequem sind. Wie Hoodies, Sneakers, Computer und Handys. Das ist schließlich Teil der normalen Evolution (lacht). Leute, es ist 2018! Nur weil wir auch modernes Zeug tragen, heißt das nicht, dass wir Rock-
abilly nicht lieben. Ich sag dir, das tun wir hundertprozentig!

 

Wieviel Pomade braucht ihr so im Schnitt?

Gebt mir so viel ihr habt (lacht).

 

Träumst du manchmal von einer Zeitreise, um Leute wie Johnny Cash zu treffen?

Ja, das hab ich tatsächlich als ich so ungefähr 25 war. Es war schön drüber nachzudenken. Später hab ich dann aber gelernt, die heutige Zeit so zu akzeptieren und zu schätzen wie sie ist und habe gemerkt, dass es auch heutzutage viel cooles Zeug gibt. Wir können nicht mehr Teil der 50er Jahre werden, die sind vorbei. Aber wir bringen den Spirit dieser Zeit ins Jahr 2018 und machen ihn erlebbar. Klar ist es schade, dass wir uns nicht mit Eddie Cochran über Studioaufnahmen unterhalten oder mit Hasil Adkins ein Bier zischen können. Aber auch in der heutigen Zeit gibt’s tolle Leute! Big Sandy, Mouse Zihn, John Lewis, Shaun Young, Jimmy Sutton. Und viele weitere große Namen. Also bietet sich uns die Chance, all das im Heute zu genießen.

 

Ihr schreibt eure eigenen Songs. Ich habe den Eindruck, dass ist bei den heutigen Rockabilly-Bands eher selten.

Für mich gar keine Frage! Songs schreiben ist für mich das Natürlichste und Normalste überhaupt! Wenn du ein paar Ideen hast und etwas Talent beim Komponieren, ist es ganz selbstverständlich, nicht selten. Du tust, was du liebst und liebst, was du tust. Das ist der Schlüssel zum Songs schreiben.

 

Wem wird das Privileg zu Teil, eure neuen Songs als Erster zu hören?

Kommt ganz auf die Situation an. Das kann eine Freundin sein, Nachbarn auf der anderen Seite der Wohnungswand, ehemalige Bandmitglieder (wir treffen uns manchmal bei unserem Ex-Schlagzeuger) oder mein Haustier, die Rattendame Nora. Es gibt also niemand bestimmtes. Und es ist auch kein wirkliches Privileg.

 

Erzähl uns ein bisschen über deine musikalischen Wurzeln. Wie hast du angefangen Musik zu machen?

Wir haben Ende 1999 als eineTeenagerband angefangen. Mit viel Elan und keinerlei Erfahrung. Die erste Show war am 20.02.2000. Dieses Datum ist für uns die Geburtsstunde der WiseGuyz. Anfangs war es ein Trio und wir haben Oldschool Psychobilly und Neo Rockabilly gespielt. Mein erster Bassist war Long-Tall Alex (Leadsänger und Gitarrist der R’n’B Band Bryuki, Anm. d. Red.). Später haben wir uns immer wieder verändert. Wir haben vier Jahre lang ein Saxophon mit dabei gehabt und für drei oder vier Monate auch mal als Trio ohne Schlagzeug gespielt und immer wieder neue Zusammensetzungen ausprobiert. Manche Bandmitglieder sind mehrmals Mitglied gewesen, dann wieder aus- und später wieder eingestiegen oder umgekehrt. 18 Jahre Musik machen… Da gibt’s viel zu erzählen. Ich persönlich habe sehr musikalische Eltern und von ihnen auch mein Talent. Sie haben versucht mir Klavierunterricht zu geben als ich so ca. vier oder fünf Jahre alt war, aber ich hab’s mit zehn wieder aufgegeben. War mir zu langweilig. In den 90ern – da war ich so um die zwölf Jahre alt – bin ich total auf Rock, Metal, Punk und Grunge abgefahren. Ich hab mir selbst das Gitarrespielen beigebracht. Mit 15 hab ich mir die langen Haare abgeschnitten und Rockabilly für mich entdeckt – was zu meiner Passion geworden ist und ich liebe es bis heute. Mit 17 habe ich dann die WiseGuyz gegründet.

 

Ihr lebt in der Ukraine. Wie populär ist Rockabilly dort?

Gar nicht. In meiner Heimatstadt Kharkov gibt es ungefähr 25 Leute, die diesen Style lieben. Und ungefähr zehn, die ein Instrument spielen und aus denen verschiedene Bandformationen entstanden sind. In Kiew sieht’s etwas besser aus und man kann vor bis zu 300 Leuten spielen. Auch in anderen Städten gibt’s noch ein paar Bands. Insgesamt gibt’s ungefähr zehn Bands, die regelmäßig spielen, aber das sind nicht alles Rockabilly-Bands. Aber es gibt eine Menge Leute, die sehr offen sind und die sich unsere Musik gern anhören. Ganz normale Leute, die einfach gern zu unseren Shows kommen, aber die keine Ahnung haben, wer um alles in der Welt Johnny Burnette ist. Ihr wisst schon, diese Leute die Surf Music „’nen coolen Song aus ’nem Taxi“ nennen und die, wenn sie Swing hören so etwas sagen wie „oh das klingt wie der Song von Tom und Jerry“. Sie mögen den Sound, aber mehr nicht.

 

Ihr habt einige Alben veröffentlicht. Ist derzeit was Neues geplant?

Wir haben schon sieben Alben veröffentlicht, zuletzt erschien dieses Jahr ‚Midnight Cruise‘. Wir planen gerade kein neues Album, aber wir haben schon einige Songs fertig und Ideen für weitere. Außerdem haben wir letztes Jahr in Deutschland mehrere Aufnahmen gemacht, die bisher noch nicht veröffentlicht wurden. Ich hoffe, dass das irgendwann so weit ist.

 

Habt ihr ein Ritual, bevor ihr auf die Bühne geht?

(Lacht) Ja. Soundcheck.

 

Es gab eine deutsche A-Capella Gruppe, die sich Wise Guys nannten. Seid ihr jemals verwechselt worden?

Nicht wirklich. Manchmal vielleicht sowas wie „Hey, ihr seid nicht die, die wir kennen“ und das war’s. So überflüssiger Quatsch eben. Ich war sehr nervös, als ich erfuhr, dass es mehrere Bands gibt, die so heißen. Das war so ungefähr 2002 und wir hatten kein Internet, um uns darüber zu informieren. Wir wollten unseren Namen behalten, also hab ich ein bisschen was verändert, z. B. die Schreibweise The WiseGuyz, damit wir nicht verwechselt werden. Inzwischen seh ich das Ganze sehr entspannt.

 

Welchen Musiker würdest du mal gerne für eine Jamsession im Wohnzimmer treffen?

Hmm, ich würde sagen Jimmy Suttons, TK Smith, Dick Dickerson… da gäbe es einige. Ich weiß aber nicht, ob es eine Jamsession wäre oder nicht eher eine Unterrichtsstunde für mich (lacht). Wie auch immer, es gibt eine Menge toller Künstler, die ich bewundere. Könnte aber auch ganz nett sein, mit unserem früheren Bassisten Romario zu jammen.

 

Euer Konzert in Kempten wird nicht euer erstes Konzert in Deutschland sein. Was habt ihr hier schon erlebt?

Wir haben viele Konzerte in Deutschland gegeben und sind dankbar, eine große Zuhörerschaft und sogar Freunde dort gefunden zu haben. 2010 hat alles angefangen, als wir von der Band Tazmanian Devils aus Leipzig gebucht wurden. Wir haben uns auf einem großen Festival in der Ukraine getroffen, uns angefreundet und sie haben uns angeboten, eine kleine Deutschlandtour zu machen. Sie haben uns unterstützt und uns ihren Van zur Verfügung gestellt. So konnten wir während der Tour neue Leute und Veranstalter kennenlernen und mehr und mehr Hilfe und Unterstützung erhalten, auch von Thomas Blenderman (vom Independent Label: The Wild Turtle Record Company) und seinen Freunden. Wir haben viele Shows, auf Festivals und auch ein paar Privatpartys gespielt, viele Städte besucht und hoffen, dass wir noch oft nach Deutschland kommen.

 

Also habt ihr sicher schon mal deutsches Bier getestet?

Bier? Was ist das? (grinst). Euer Bier ist einfach super.

 

Interview: Mona Dittrich