Bei Rainer von Vielen ist gerade ganz schön was los: Ende Oktober veröffentlichten sie ihr aktuelles Album „Oberste Schublade“ und das Nächste steht schon in den Startlöchern. Am 23. Dezember steht das Weihnachtskonzert an und am 30. März geben sie ein Akustikkonzert auf der Bühne des Theaters in Kempten. Und ganz nebenbei spielen Rainer (voc) und Michi (git) noch bei der T:K-Eigenproduktion „Heinrich von Kempten“ mit – mal ganz abgesehen von den väterlichen Pflichten. Wir haben den schlagfertigen und sympathischen Gitarristen zu uns in die Redaktion eingeladen, um ein wenig mehr über das neue Album, den Songwriting-Prozess der Band und seine Erfahrung als Schauspieler im Theater zu erfahren.

Michi, du machst für zwei Bands Booking und Management, betreust das Booking für’s Künstlerhaus, bist aktiver Musiker, Ehemann und Familienvater. Hat dein Tag mehr als 24 Stunden?

Leider nicht. Es ist schon so, dass ich sehr eingespannt bin, aber ich bin auch sehr glücklich darüber, es sein zu dürfen. Es ist wirklich eine große Freude, dass wir mit dem, wofür unser Herz schlägt, Geld verdienen können. Aber zusammen mit der Kleinen ist es zwischendrin schon heftig (lacht).

Ab kommenden Freitag geht’s ja schon wieder auf zwei Doppelkonzerte. Das stelle ich mir für Rainer sehr anstrengend vor.

Das stimmt, aber zum Glück ist der Rainer, unser Sänger, sehr fit. Bei den Doppelkonzerten ist es dann oft so, dass wir zuerst mit Rainer von Vielen spielen und dann mit Orange. Zuerst der Sound mit den Popstrukturen und Texten – zum Zuhören und Abgehen und im Anschluss ist dann Feiern und Loslassen angesagt. Wir spielen am Stück durch, das ist zwar schon anstrengend, aber Rainer ist ja zum Glück Nichtraucher und hat auch lang genug geübt. Der Obertongesang belastet die Stimmbänder auch gar nicht – die meisten Leute denken immer, Rainer wäre danach total heiser, aber eigentlich entspannt er sie sogar.

Zum neuen Album „Oberste Schublade“: Wie lange habt ihr daran gearbeitet?

Das neue Album ist etwas ganz Besonderes – ein sogenanntes B-Side-Album. Lauter Stücke, die einfach nicht auf andere Alben gepasst haben, sei es aus textlicher oder musikalischer Hinsicht. Deswegen auch der Name „Oberste Schublade“, weil das keine Songs sind, die wir als Ausschussware bezeichnen würden, sondern einfach bei den anderen Alben nicht gepasst haben. Genau vor 20 Jahren wurde das erste Rainer von Vielen-Album veröffentlicht – das war damals noch der Rainer ganz alleine – und jetzt dachten wir uns, dass wir mal all die Songs veröffentlichen sollten, die es bisher noch auf kein Album geschafft hatten. Viele der Songs besitzen deswegen noch den Geist von früher, als Rainer allein gearbeitet hat.

Von Dubstep bis zum Kinderlied ist das Album wieder sehr facettenreich. Vielleicht das abwechslungsreichste Album bisher? War das ein Ausgangsziel bei der Produktion?

Nein, es ist ja nie so, dass es unser Ausgangeziel ist zu bestimmen, welche Songs auf ein Album kommen. Erstmal passiert alles aus der Freude des Musikmachens und des Kreativseins heraus. Vielleicht sollten wir uns mal eine Zielsetzung vornehmen, damit die Alben mehr auf einem Punkt sind und nicht so divergieren, aber ich glaube, dass man das bei „Oberste Schublade“ wirklich nicht sagen kann, da die Stücke eben aus komplett unterschiedlichen Epochen der Rainer von Vielen-Zeit stammen. Der inhaltliche Zusammenhang der Stücke ist, dass sie aus der Feder von Rainer stammen und sonst gibt es keinen.

Erzähl doch mal was über die Featuregäste und mit wem ihr zusammen gearbeitet habt.

Da sind einige Zusammenarbeiten drauf. Unter anderem Smith & Smart, ein Rapper aus Berlin, mit dem wir schon öfter was zusammen gemacht haben und der auch das erste Album von Rainer produziert hat. Dann ist noch eine ganz besondere Zusammenarbeit dabei und zwar mit einer sibirischen Schamanin. Wir waren auf eine Konzertreise durch Russland eingeladen und waren in Chanty-Mansijsk, wo immer Biathlon stattfindet und durften den heiligsten Ort der Einheimischen besuchen. Dort hat uns Maria Voldina etwas indianisch Klingendes vorgesungen und als sie fertig war, wurden wir erwartungsvoll angesehen, bis wir „Theo spann den Wagen an“ als Kanon intoniert haben. Daraus ist eine wundervolle Zusammenarbeit entstanden, die eben auch auf dem Album zu hören ist.

 

Du hast gesagt, dass bei „Oberste Schublade“ eher Rainers Musik im Zentrum steht. Ist denn schon etwas geplant, wo die ganze Band wieder mehr mitwirkt?

Ja! Am 30. März bringen wir das nächste Bandalbum raus, das heißt „Alles mit allem – AMA“ und erscheint anlässlich unseres Akustik-Konzerts im Theater in Kempten. Da wird es ganz ruhig zur Sache gehen – mit Cello, Akustik-Gitarre, Kontrabass, Mundharmonika, Akkordeon und Klavier. Das wird wieder ein Album sein, das im gewohnten Bandkontext entstanden ist und so einen Kontrast zum aktuellen Album darstellt.

Wie sieht euer Songwritingprozess aus?

Früher als wir angefangen haben war es oft so, dass wir uns im Proberaum getroffen, das erste Bier aufgemacht und uns planlos angeschaut haben. Aber so machen wir das schon lange nicht mehr: Es ist so, dass wir sehr vorbereitet in den Proberaum gehen – es gibt schon Skizzen von Rainer oder es steht eine Idee im Raum, die wir gerne umsetzen würden. Es ist ein sehr sehr konzentriertes Herangehen an die Proben, weil wir auch gar nicht die Zeit haben, um viel zu proben, da wir so viele Konzerte geben und der Tag – wie anfangs gesagt – nur 24 Stunden hat und mein Kind ein kleiner Zeitkannibale ist (lacht).

 

Schreibt ihr die Texte gemeinsam oder macht das hauptsächlich der Rainer?

Die Texte kommen alle aus der Feder von Rainer, aber wir haben da schon auch ein paar Einflüsse darauf. Er hat eine so gewaltige Wortgewandtheit, dass ihm die Texte bis zum heutigen Tag obliegen.

Wie weit fließen Zeitgeist und das aktuelle Weltgeschehen in eure Musik ein?

Es ist so, dass wir beeinflusst werden und gleichzeitig beeinflussen. Deswegen kann man natürlich sagen, dass der Zeitgeist einen enormen Einfluss auf uns hat. Das letzte Album vor diesem Album hieß ja „Überall Chaos“ und wurde ausgelöst durch dieses Postfaktische und von Menschen wie Trump. So etwas macht uns zornig und traurig – wir sind ja auch auf vielen Demos unterwegs. Wir haben in München auf einer Demo gegen das Polizeiaufgabengesetz gespielt und waren auch für den Hambacher Forst angefragt, wo wir aber leider keine Zeit hatten. Wir sind auch immer wieder dabei gegen Rassismus, Atomkraft und für Nachhaltigkeit zu spielen, zu demonstrieren. Es ist uns auch wichtig, dass gewählt wird: In anderen Landstrichen sterben Menschen für den Kampf ums Wahlrecht und bei uns sind die Leute zu faul von der Couch aufzustehen und wundern sich dann, dass vermeintlich schlechte Kräfte in der Regierung sitzen.

 

Am 23. Dezember spielt ihr wieder das traditionelle Weihnachtskonzert. Gibt es Songs die ihr in Kempten immer spielen müsst, verglichen mit anderen Konzerten weiter weg?

Man kann schon sagen, dass es Songs gibt, die sich Leute überall wünschen – „Tanz deine Revolution“ zum Beispiel. In Kempten ist die besondere Herausforderung, dass wir dieses Weihnachtskonzert zu etwas Speziellem machen und es ein bisschen rockiger gestalten – vor allem im Kontrast zu dem Akustik-Konzert im Theater in Kempten. Natürlich ist es auch etwas Besonderes für uns, da wir immer versuchen Pop-Kultur mit Tradition zu vermischen. In diesem Jahr sind die Börwanger Klausen dabei, die teilweise im Publikum und teilweise bei uns auf der Bühne sein werden – so viel sei schon mal verraten. Dann haben wir dieses Jahr auch den Ansatz dem Ganzen einen kleinen Festivalcharakter zu verleihen, weshalb wir Kilian Vega – einen schönen Singer-Songwriter aus Kempten – und Housewife Productions – quasi PianistiXX mit Anton von La Cafetera Roja als Rapper – als Support dabei haben.

Meine letzte Frage bezieht sich auf deine Rolle bei dem Theaterstück „Heinrich von Kempten“: Hat es dich viel Überwindung gekostet, komplett blank zu ziehen?

(lacht) Mittlerweile hat es ja jeder mitbekommen: Ich bin Heinrich von Kempten. Am Anfang war das ja noch eine Überraschung, aber jetzt sind wir in der Zeit der Wiederaufnahme und ich muss schon zugeben, dass es am Anfang etwas komisch war, aber ich würde sagen, dass ich weniger Scham habe als andere Leute. Am meisten Überwindung hat es bei der ersten wirklichen Probe gekostet, als es dann tatsächlich darum ging, blank zu ziehen. Da war auch kein tolles Licht, sondern einfach nur normales Tageslicht und man hat wirklich jedes Detail gesehen. Beim ersten Mal im Rahmen der wirklichen Vorstellungen war ich auch aufgeregt und hatte Herzklopfen, aber mittlerweile ist es so, dass ich mich darauf freue, weil es ein total witziges Gefühl ist, so wie Gott mich erschaffen hat, aus dem Zuber zu steigen. Es ist auch genau der Moment, auf den alle warten – ich gebe mir davor sehr viel Mühe Gitarre zu spielen und die Schauspielerinnen geben sich super viel Mühe eine einwandfreie Performance abzuliefern, aber das erste Mal Applaus gibt es immer wenn ich aus diesem Zuber raussteige (lacht). Ich mache das ja auch in den Schulvorstellungen und da wenden sich dann viele Mädchen immer angewidert ab (lacht).

 

Interview: Jacqueline Hoffmann &
Felix Schleinkofers